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Leseproben aus den Romanen:


 

 

Auszug aus dem Roman "Mitternachts-mädchen"

Mary Freeman war die Sorte von Frau, die sofort den Frisiertisch mit Kosmetikartikeln vollstellen und beim Betreten des Speisesaals entzückt eine Hand vor den Mund schlagen würde. Ihren Tee würde sie pünktlich um sechzehn Uhr nehmen wollen, ohne Gebäck. Molly glaubte all das bereits zu wissen, während sich das Ehepaar Freeman ins Gästebuch eintrug - Bryan und Mary. Er schrieb mit links, sie tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden und schob ihren feuchten Hut, der sie zu stören schien und der mit einer Nadel an ihrem aufgesteckten Haar befestigt war, ein wenig aus der Stirn. Sie neigt zu Kopfschmerzen und wird sich bald ein Aspirin bringen lassen, dachte Molly amüsiert, und als sie beobachtete, wie das Ehepaar Freeman hintereinander (er mit den Koffern voran, sie immer noch ihren Hut malträtierend) wortlos die Treppe nach oben stieg, war sie davon überzeugt, dass die beiden, obwohl noch jung, schon lange verheiratet waren und blütenweiße Laken hinterlassen würden. Es wurde nach Molly geläutet, als sie gerade einem früh zu Abend essenden Herrn im Speisesaal eine Fischsuppe servierte. Ah, das Aspirin, hatte sie gedacht. Es gab im Haus nur diese drei Gäste, denn es war November, kühl und bewölkt. Das Meer schien gereizt. Molly machte sich sofort auf den Weg über den leicht abschüssigen Korridor - einmal hatten Kinder dort ihre gläsernen Murmeln hinunterrollen lassen und gar nicht genug bekommen von diesem merkwürdigen Spiel -, stieg die drei ausgetretenen, ihr so wohlbekannten Stufen hinab und erreichte nach einer kaum merklichen Linkskurve den Korridor, von dem die vier Gästezimmer abgingen. Die Türen waren mit den Zahlen Drei, Vier, Fünf und Sechs versehen. Warum gerade diese Zahlen gewählt worden waren - warum nicht einfach Eins, Zwei, Drei, Vier? -, war immer ungeklärt geblieben. Man hatte es so übernommen, und als vor einigen Jahren die Türen gestrichen worden waren, hatte der Maler die Messingzahlen abgeschraubt und sie nach Beendigung seiner Arbeit sorgfältig wieder angebracht. Molly lauschte kurz, dann klopfte sie, und als sich die Tür mit der Nummer Drei öffnete, sah sie sich dem kleinwüchsigen Mr. Freeman gegenüber. Sie war ein wenig beschämt, denn er trug einen seidenen Morgenrock, der oben offenstand und eine üppige dunkle Brustbehaarung preisgab. Deshalb blickte Molly rasch über seine Schulter hinweg in den Raum hinein. Auf dem Frisiertisch sah sie goldene Ovale leuchten, die sie kurz für Ohrringe hielt, doch es waren eindeutig Manschettenknöpfe, und daneben lagen sein Binder und eine Handvoll hingeworfener Zigarren. Die gesamte Tischplatte schien dominiert von diesen wenigen männlichen Gegenständen, die in merkwürdigem Widerspruch zu Mrs. Freemans Tuben, Tiegeln, Hutnadeln und Perlenketten standen.

Ohne sich umzudrehen saß Mrs. Freeman mit kerzengeradem Rücken auf einem kleinen Hocker vor dem Frisiertisch und rauchte. Plötzlich trafen sich die Blicke der beiden Frauen im Spiegel, und Molly erschrak, denn ihr wurde bewusst, dass sie für Sekunden beobachtet worden war. Mrs. Freeman musste ihren ausweichenden Blick über die Schulter ihres zu klein geratenen Mannes, das blitzschnelle Zucken ihrer Augen über die Gegenstände auf dem Toilettentisch und schließlich ihr zaghaftes Eintreten, den Knicks, womöglich auch das Feuerwerk ihrer Gedanken im Spiegel zur Kenntnis genommen haben, und ohne dass sie es verhindern konnte, lief Molly dunkelrot an. Sie fühlte sich ertappt, daran war sie nicht gewöhnt. Wenn sie Schubladen öffnete, um blitzschnell mit flinken, sauberen Fingern ihre Inhalte durchzusehen, hinterließ sie stets alles auf den Millimeter so, wie sie es vorgefunden hatte. Sie überflog Tagebücher, während die Verfasser ahnungslos im Garten unter dem Maulbeerbaum saßen, und Briefe, deren Adressaten gerade am Strand spazierten oder die Ruinen des mittelalterlichen Klosters in den Dünen besichtigten. Endlich drehte sich Mrs. Freeman um. Auch sie trug wie ihr Mann einen Morgenrock, doch der ihre war nicht blau-schwarz kariert, sondern mit bunten Blumen übersät. Sie stand auf, zog noch einmal an ihrer Zigarette, dann sah sie Molly in die Augen. »Wir möchten auf dem Zimmer essen«, sagte sie Rauch ausstoßend, nicht unfreundlich, aber auch nicht herzlich. »Lachs mit Reis und Erbsen, wie es auf der Karte steht, und eine Karaffe französischen Weißwein dazu.« Molly verschlug es die Sprache. Noch nie hatte jemand freiwillig darauf verzichtet, im Speisesaal zu essen, höchstens eine kranke Person, die nach Haferschleim und warmem Kamillentee verlangte und untröstlich gewesen war. So krank musste man sein, wenn man sich den Speisesaal entgehen ließ. »Sehr wohl«, flüsterte Molly, und als sie beim Verlassen des Zimmers bemerkte, wie zerwühlt das Bett war, musste sie erschüttert zugeben, dass sie mit ihren Einschätzungen gründlich danebengelegen hatte. Sie stolperte den Korridor entlang, konnte nicht aufhören, den Kopf zu schütteln, vergaß die leer gelöffelte Suppenschale des einsamen Herrn im Speisesaal abzuräumen und stürzte in die Küche, wo der Koch Rupert gerade Lammkoteletts briet. »Wo steckst du?«, fragte er und sah erstaunt in ihr immer noch rot glühendes Gesicht. »Zweimal Lachs mit Reis und Erbsen aufs Zimmer«, rief Molly empört, und als wäre das Trinken eines französischen Weins an englischer Küste der Gipfel an Unverfrorenheit, musste sie sich kurz setzen, bevor sie auch diese Bestellung an den Koch weitergeben konnte. Ihr Herz schlug heftig.

Etwas war geschehen, etwas war übers Meer gekommen oder über die Wiesen, vielleicht auch vom Friedhof, war hereingeweht ins Old Inn, und Molly vermochte nicht zu sagen, ob es ein Verhängnis oder etwas Gutes war, doch sie vermutete Ersteres. Der geduldig wartende Herr im Speisesaal, der lange die bräunlichen Reste der im Suppenteller antrocknenden Fischsuppe beobachtet und hungrig den Duft der bratenden Lammkoteletts wahrgenommen hatte, hieß Walter Ronald Scott. Wenn er reiste, führte er in seinem Gepäck stets Sir Walter Scotts Werk Ivanhoe mit sich, und in törichter Anwandlung ließ er es auf seinem Nachttisch liegen oder spazierte, das Buch sichtbar unter den Arm geklemmt, durch die Gegend. Vorschnell machte er sich mit allen möglichen Leuten bekannt. Damit hoffte er in Verbindung mit dem großen schottischen Schriftsteller gebracht zu werden, den er bewunderte, und es erschien ihm mehr als ein Zufall, dass er denselben Namen trug, zwar ohne Titel, aber immerhin.

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Auszug aus dem Roman "Esthers Garten"

Es ist ein Tag im Frühling, ein Tag zwischen Sonne und Schatten. Wie ein türkis-goldenes Osterei leuchtet die Kuppel der Synagoge durch den knospenden Kastanienbaum, der seine glatten dunklen Äste bis in das vierte Stockwerk hinaufstreckt. Aus dem Hinterhof schallen Stimmen, tiefe Stimmen von Männern, die gerade mit viel Getöse die Mülltonnen leeren. Elizabeth hört Fetzen einer Jazzmelodie, federleicht auf einem verstimmten Klavier gespielt, und das Zetern eines erschrockenen Spatzes. Wie aus einem gewaltigen Schalltrichter werden all diese Geräusche zu ihr getragen.

Zu Essenszeiten strömen auch Gerüche von gedünsteten Zwiebeln und gebratenem Fleisch in die Höhe. Doch jetzt riecht es nur nach frühem Morgen und dem Kaffee, den sie sich gerade gekocht hat. Sie hört einen polternden Laut, dann beginnt ein Mann zu fluchen. Ein anderer lacht. Elizabeth geht ans offene Fenster und sieht, dass eine volle Mülltonne umgekippt ist. Der Abfall hat sich in den grau gepflasterten Hof ergossen. Hellblau leuchtet zwischen sprießenden Funkien eine zerbeulte Plastikflasche Weichspüler in einem schmalen, von zerbrochenen Ofenkacheln eingefassten Beet. Überall liegen zerknüllte Papierkugeln, Tüten, leere Joghurtbecher, nach denen sich der Mann im orangefarbenen Overall bückt. Während Elizabeth überlegt, ob auch ihr Abfall dabei ist, fällt ihr auf, dass die Sonnenstrahlen den Grund des Hofes nicht erreichen, gerade so, als würden sie sich nicht in den Schatten wagen. Abrupt halten sie an einer bestimmten Stelle an, ziehen eine scharfe Linie, teilen den Schacht in Hell und Dunkel. Erst die kleinen Balkone im ersten Stock stehen im Licht.

Darunter herrscht der ewig grün bemooste Dämmerzustand eines Berliner Hinterhofes, voller Farngewächse, wilder Pfefferminze und einer Klopfstange, an der manchmal kopfüber ein stilles Kind hängt. Der Müllmann schimpft noch immer vor sich hin, ein Flugzeug schwebt lautlos am Himmel. Plötzlich erinnert Elizabeth sich daran, wie sie vor vielen Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben, das damals noch ein glitzerndes, wogendes Meer voller Geheimnisse und Untiefen gewesen war, in einem Flugzeug gesessen hatte. Hingerissen war sie von den unbekannten Gefühlen, die auf sie einstürmten - Todesangst hatte sich in ihren jungen Nacken gekrallt, während das Flugzeug über die Startbahn raste, und parallel zu diesem entsetzlich kalten Griff schwoll eine geradezu ekstatische Lust in ihrem Unterleib heran, eine Lust zu leben, und beides vermischte sich in ihrem Solarplexus zu einem wollüstig-warmen Ausgeliefertsein. Seufzend überließ sie sich ihrem Schicksal, das sie in ihren Sitz presste und ihr den Atem nahm, sodass sie sich zusammenreißen musste, um nicht einfach loszuschreien vor Glück und der abstrusen Gewissheit, im nächsten Augenblick selig zu sterben. Doch sie starb nicht, das Flugzeug hob ab und flog eine scharfe Linkskurve über der Stadt Berlin, die in der Abenddämmerung dalag wie ein riesengroßes, flaches, atmendes Lebewesen am Grunde eines blauen Himmels, und Elizabeth hatte das Gefühl, sie überfliege ihr Leben, das unter ihr wogte, und sie brauche nur einzutauchen, denn alles war möglich zu dieser Zeit.

Bald hatte das Flugzeug, eine Boeing 737, seine Reiseflughöhe erreicht. Ruhig und kraftvoll glitt es dahin. Elizabeths Hände, die bis eben noch zu Fäusten geballt waren, öffneten sich langsam und legten sich ausgestreckt auf ihre Oberschenkel. Sie lehnte den Kopf zurück, schloss kurz die Augen und fühlte sich geborgen wie im Innern eines Engels, der sie sicher über das Meer trug. Von einem lächelnden Steward wurde ihr ein Glas Tomatensaft serviert, dazu legte er ein Tütchen geröstete Erdnüsse auf die quadratische weiße Serviette auf dem Klapptisch vor ihr, und als sich ihr Herzschlag beruhigt hatte, erblickte sie im graublauen Abendhimmel einen einzigen Stern. Kauend fasste sie in ebendiesem Moment den Entschluss, nicht Floristin zu werden, nicht das Geschäft ihrer Mutter zu übernehmen, nicht morgens um vier aufzustehen, um auf dem Berliner Großmarkt eimerweise Tulpen, Rosen und Nelken einzukaufen und damit ins Blumenhäuschen am Spandauer Damm zurückzukehren, nicht immer kalte Füße und zerschnittene Hände zu haben wie ihre Mutter. Elizabeth nahm noch einen Schluck des dickflüssigen Saftes. Nein! Sie würde Luft- und Raumfahrttechnik studieren. Rosen, Tulpen, Nelken - alle Blumen welken.

Es war wie eine Eingebung. Und sie wusste, dass sie gerade die wichtigste Entscheidung ihres Lebens getroffen hatte, die mit so sphärischen Dingen wie Sternen, Sonnenaufgängen, ja, sogar Engeln und dem Universum zu tun hatte.

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Auszug aus dem Roman "Das Haus der Hebamme"

Das alte Backsteinhaus sah aus wie ein wahr gewordenes Kinderbild.
Genauso malen Kinder Häuser – mit rot gedecktem Giebeldach und Schornstein, zwei Fenstern oben, einem unten und einer blauen Tür. Daneben stand ein knorriger Birnbaum, dessen Äste an die oberen Fenster kratzten.
Anne hatte das Bedürfnis zu schleichen, als sie einmal um das Haus herumlief. Im verwilderten Garten wuchsen üppige Holunderbüsche, mannshohe Hortensien und verholzte, stark verästelte Sträucher Beifuß. An der Giebelseite rankte Jelängerjelieber in voller Blüte, einen betörenden Duft verströmend. Sie atmete ihn ein, als wäre er heilsam. Die umliegenden braunen Stoppelfelder dampften in der Hitze. Einem ekelhaften Insekt nicht unähnlich, kroch am Horizont ein Pflug dahin, Staubwolken hinter sich herziehend, geräuschlos.
„Kommst du?“, rief Adam, und sie folgte seiner Stimme.
In weiter Ferne muhte eine Kuhherde. Bis auf monotones Grillengezirp war sonst alles still.
Anne und Adam kannten sich seit Jahren. Er, der Immobilienmakler mit besten Kontakten, sie, die Innenarchitektin, bewandert in den neuesten Wohn- und Gestaltungstrends. Sie hatten sich im Laufe der Zeit darauf spezialisiert, Häuser und Wohnungen komplett renoviert und möbliert zum Verkauf anzubieten. Mit Hilfe seines Vaters stöberte Adam fantastische Räume auf – Fabriketagen, Lagerhallen, puppenhafte Schlösschen, ehemalige Cafés. Einmal auch ein Schwimmbad aus der Zeit der Jahrhundertw |ende, mit grünen Marmorsäulen und lebensgroßen blauen Delfinen im gut erhaltenen Mosaikfries, das unter zwei Schichten Fliesen zum Vorschein kam. Die ehemaligen Umkleidekabinen ließen Anne und Adam in ein großes Wohnzimmer umbauen. Sie setzten zwei Badezimmer und eine amerikanische Küche dazu und eine Dachterrasse obendrauf, die über eine grünspanfarbene Wendeltreppe im Wohnzimmer zu erreichen war. Das Ganze nannten sie dann albern lachend „Einzimmerwohnung mit Dachterrasse und Swimmingpool, insgesamt dreihundert Quadratmeter in attraktiver Citylage“.
Das Projekt war ein wenig überspannt, hatte aber etw |as Märchenhaftes, das Anne mehr berührte, als sie zugeben wollte. Trotz des schwindelerregenden Preises fand sich schnell ein Käufer. Anne hoffte lange, einmal eingeladen zu werden. Die Vorstellung, das ungefähr drei Meter tiefe und zehn Meter lange türkisfarbene Becken voller Wasser zu sehen, machte sie unruhig vor Verlangen. Sie sehnte sich danach, den Mosaikdelfinen an den Innenseiten des Beckens ein einziges Mal zu begegnen, und träumte oft von ihnen. Eine Zeit lang jede Nacht. Sich still von den Wänden lösend, sah Anne sie im lichtblauen Wasser zum Leben erwachen, sie unermüdlich umkreisen. Lautlos, berührungslos. Jedes Mal erwachte sie lachend, mit schwindeligem Kopf.
Adam schloss die blaue Tür auf. Als er sie behutsam öffnete, floss ihnen eine angenehme Kühle entgegen. Sie stiegen drei graue Steinstufen nach oben und kamen in eine dämmrige Wohnküche. Ein alter Herd stand in der Ecke, daneben eine Küchenbank, leere Weckgläser darauf. Die Fensterläden machten ein unwilliges Geräusch, als Adam sie aufstieß, und es kam Anne so vor, als würde das Sonnenlicht einen Moment zögern, bevor es sich mit langen Armen in den Raum warf. Auf dem Boden lag eine dicke Staubschicht. Schweigend stiegen sie eine schiefe Holztreppe nach oben, die in zwei kleine, ineinander übergehende Zimmer führte. Auch hier öffneten sie die Fensterläden, sahen Staubwirbel durch die Luft flirren und dann langsam wieder zu Boden sinken. Ein Nagetier hatte sich hier vor langer Zeit einmal sein Nest gebaut. Stroh und leere Getreidehülsen lagen herum, verdorrte Kotkrümel, Stofffetzen. Eine Diele quietschte, ein Balken knackte. Anne stellte sich ans offene Fenster und beobachtete durch die Birnbaumzweige hindurch den Pflug, der noch immer seine Bahnen zog.
„Ist es nicht wundervoll?“, flüsterte sie.
Adam gab einen abfälligen Laut von sich. „Es ist viel zu klein.“
„Nein!“, rief sie erschrocken in die mittägliche Stille. Ihre Stimme klang merkwürdig schrill in den Räumen, die so lange nur ruhiges Dunkel beherbergt hatten.
Adams und Annes neuestes Vorhaben war es, im weiteren Umkreis der Stadt feudale Landsitze zu restaurieren und dann an müde Geschäftsleute zu verkaufen, die übers Wochenende ins Grüne wollten, um dort zu angeln, zu gärtnern oder auf die Jagd zu gehen. Es war ein Experiment.
„Mehr als eine Stunde Autofahrt sollte es nicht sein“, sagte Adam auf dem Weg nach unten in den Garten. „Und außerdem dachte ich eher an ein Gutshaus. Etw |as Repräsentativeres.“
Anne setzte sich ins Gras und skizzierte die beiden Etagen. Unwillig schaute Adam zu ihr hin.
„Es ist zu klein“, beharrte er. „Wer soll das kaufen? Man kann keine Gäste unterbringen. Es würde gerade mal für eine Person reichen. Und es ist viel zu normal.“
Anne hatte das Gefühl, dass ihr etw |as Wertvolles am Entgleiten war.
„Lass uns dran üben, Erfahrungen sammeln, und im Notfall behalten wir es eben“, sagte sie schnell.
Entsetzt schüttelte er den Kopf. „Um Gottes Willen! Die Landluft macht mich ganz krank. Und diese Stille erst ...“
Er machte eine weit ausholende Handbewegung. Hinter ihm flirrte die Mittagshitze. Weiße Samenpollen schwebten träge wie dicke Schneeflocken durch die warme Luft. Anne war, als bliebe das Leben in diesem lichtdurchfluteten Augenblick für einen kurzen Moment stehen. Den Anblick von Adam mit so viel Sonne im Haar, wie ein Heiligenschein um seinen Kopf gelegt, sollte sie ein Leben lang in Erinnerung behalten, als gäbe es eine Fotografie davon.

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KOLUMNE AUS TANJAS WELT:
Hilfe - wer kennt den richtigen Weg?

Haben Sie sich schon einmal verfahren oder verlaufen? Klar! Jeder Mensch tut das. Auch Männer tun es gelegentlich, wenn sie es auch nicht gerne zugeben. Der Unterschied zwischen einem verlaufenen Mann und einer verlaufenen Frau liegt darin, dass sich beide in dieser Lebenssituation grundlegend anders verhalten. Frauen geben sich ihrer Intuition hin, fühlen „aus dem Bauch heraus“, ob sie nach rechts oder links müssen und wenn das auch nicht hilft, dann fragen sie eben mal nach. Männer würden niemals nach dem Weg fragen, sie kämpfen lieber mit weit auseinander klaffenden Stadtplänen, vergleichen Straßennamen und denken scharf nach und wenn das auch nicht hilft, dann ... ja dann haben wir ein Problem. Sind Sie eine Frau, die beherzt nach einem dieser hirnverbrannt zusammen gefalteten Stadtplänen greift und die sich damit zurecht findet? Dann gratuliere ich Ihnen voller Bewunderung. Ich bin allerdings eine von der anderen Sorte und darum wird es in dieser Kolumne auch gleich gehen.

Robert und ich befinden uns gut gelaunt im Auto, auf dem Weg zu einer Wohnungseinweihung am anderen Ende der Stadt. Wir fahren am Brandenburger Tor vorbei, alles läuft reibungslos. In zehn Minuten müssen wir da sein. Perfektes Timing. „Guck doch mal auf den Stadtplan“, sagt Robert. „Müssen wir die zweite oder dritte Straße links rein?“

„Bis ich auf dem Plan die richtige Stelle gefunden habe, sind wir längst da“, sage ich lachend, weil ich sicher bin, dass mein Mann Späße macht. Guck doch mal auf den Stadtplan! Haha! Gerade ich! Hahaha!

„Nun mach schon!“, werde ich angeherrscht. „Muss ich die Leipziger Straße reinfahren oder besser die Wilhelmstraße?“

„Ich dachte du kennst den Weg“, sage ich beleidigt.

„Natürlich kenne ich den Weg“, regt sich Robert auf und entreißt mir den Stadtplan, der noch immer unaufgeschlagen auf meinen Knien ruht. An der nächsten roten Ampel beginnt er wie besessen an dem Plan herumzublättern.

„He!“, ruft er. „Das ist ja ein Stadtplan von Hamburg!“

„Es ist grün“, bemerke ich hoheitsvoll.

Wütend gibt er Gas. „Mist!“, ruft er. „Jetzt bin ich auf der Oranienstraße gelandet.“

„Dann fragen wir eben jemanden“, schlage ich vor.

„Nein!“, ruft Robert hektisch, als ginge es um seine Mannesehre.  

„Das ist die falsche Richtung“, sage ich, denn meine Intuition hat sich soeben zu Wort gemeldet. Sie hat mir ferner mitgeteilt, dass mein Mann jetzt gleich richtig schlechte Laune bekommt.

„So!“, brüllt er tatsächlich los. „Das ist also die falsche Richtung, ja? Das sagst du, wo du noch nicht einmal einen Stadtplan richtig herum halten kannst!“

„Mach doch was du willst!“, zicke ich Robert an und werfe ihm den Plan von Berlin an den Kopf. Zumindest nehme ich an, dass es der von Berlin ist, denn Hamburg liegt schon zerfleddert auf der Rückbank, neben dem Blumenstrauß, den wir unseren Bekannten vor genau fünfzehn Minuten pünktlich und gut gelaunt überreichen wollten.

„Wir kommen zu spät“, informiere ich Robert, der am Straßenrand gehalten hat und mit finsterer Miene in den Stadtplan starrt.

„Wo zum Teufel ist die Schmidstraße?“, zischt er.

„Müssen wir da hin?“, frage ich.

„Nein, da sind wir gerade“, antw |ortet Robert.

„Ich werde jetzt einfach mal diesen netten Herrn da drüben fragen“, sage ich, doch bevor ich meinen Gurt lösen kann, hat Robert schon wieder Gas gegeben und ruft: „Das ist vollkommen überflüssig!“

„Ich wollte nicht fragen, ob er mich heiraten will“, meckere ich. Robert kurvt durch Berlin.

„War das eben nicht wieder das Brandenburger Tor?“, frage ich.

„Das sah nur so aus“, erwidert Robert und fährt eine scharfe Rechtskurve. „Diese ewigen Baustellen in Berlin!“, stöhnt er und fährt einem Umleitungsschild hinterher. „Hier war letzte Woche noch eine Straße!“

„Da drüben ist ein Polizist, den frage ich jetzt!“, rufe ich wild entschlossen und hechte aus dem Auto, das gerade sowieso im Stau steht.

„Sie sind hier und müssen dort hin“, erklärt er mir freundlich, während sein Finger über den Stadtplan fährt. Alles klar, vielen Dank. Ich eile zurück zu Robert, der schamesrot hinter dem Lenkrad brütet. Das wird er mir nie verzeihen!

„Wir sind hier und müssen dort hin“, erkläre ich ihm und lasse meinen Finger ungefähr an derselben Stelle über den Plan fahren, wie der Polizist.

„Sag ich doch!“, ruft Robert bockig und wenig später kommen wir tatsächlich an. „Siehst du“, sagt er, nimmt die welken Blumen von der Rückbank und knallt die Autotür zu. „Es war gar nicht nötig zu fragen!“

So ist das, mit den Stadtplänen, den verlorenen Männern und Frauen und dem richtigen Weg.

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